The Conference

Wissenschaftliche Zielsetzung

Einer zeitweise sehr beliebten Zeitdiagnose zufolge leben wir in der Postmoderne. Diese Diagnose wird häufig durch eine vermeintliche soziologische These von der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit unterstützt, die ganz verschiedene philosophische Quellen im 19. Jahrhundert hat und die für viele mit der französischen Philosophie des 20. Jahrhunderts geradezu paradigmatisch verbunden ist. Die These nimmt häufig von einer epistemologischen Diagnose ihren Ausgang: Da unser Zugang zur Welt insgesamt durch komplexe, historisch kontingente Parameter wie die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, ideologische Verblendungen, fallible Überzeugungssysteme, Interessen usw. vermittelt ist, können wir nicht davon ausgehen, dass wir Tatsachen oder Gegenstände so erfassen, wie sie an sich sind. Alle Tatsachen oder Gegenstände seien vielmehr immer nur relativ auf Systeme irgendeiner Art. Daraus haben radikale Konstruktivisten bisweilen geschlossen, dass es nicht einmal Tatsachen oder Gegenstände gibt, zu denen wir einen falliblen Zugang suchen, denn auch diese Tatsache sei nur ein Konstrukt unter anderen. Argumentiert man auf diese Weise, verlören freilich Begriffe wie Tatsache, Wahrheit und Objektivität ihren traditionellen Status und die gesamte Gesellschaft mit all ihren ausdifferenzierten Teilsystemen wie Wissenschaft, Religion, Recht, Kunst usw. wäre lediglich ein, mit John McDowell gesagt, „reibungsloses Rotieren der Begriffe im luftleeren Raum“.

Gegen eine solche Auffassung der „Postmoderne“ und insbesondere gegen die Verabschiedung von Tatsachen, Wahrheit und Objektivität auf der Basis einer vermeintlichen Einsicht in die soziale Konstruktion der Wirklichkeit sind inzwischen viele gewichtige Stimmen laut geworden. Wir fassen diese Stimmen unter dem Namen des ‚Neuen Realismus‘ zusammen, den wir mit der Tagung aus der Perspektive verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen – der Philosophie, der Soziologie, der Literatur- und Bildwissenschaft, der Naturwissenschaft – angehen und international sichtbar weiter vorantreiben möchten. Das vorläufige Label ‚Neuer Realismus‘, das durchaus absichtlich an eine Bewegung Anfang des letzten Jahrhunderts erinnert, wird interessanterweise für ähnliche Tendenzen in der Rechts- und Politikwissenschaft verwendet. Es soll darum gehen, die Aussichten für einen neuen Realismus im Hinblick auf die Frage zu untersuchen, inwiefern dieser überzeugendere Modelle für die postmoderne Diagnose einer Pluralität von Wahrheiten, Sprachspielen oder Perspektiven anzubieten hat.

Scientific Goals

According to a diagnosis that, for a while, enjoyed great popularity, we live in a postmodern era. Frequently, this diagnosis is supported by the allegedly sociological thesis that reality is socially constructed. This thesis has various sources in the 19th century and, for many, it is paradigmatically linked to 20th century French philosophy. It usually takes off from an epistemological diagnosis: Since our access to the world is mediated by complex and historically contingent parameters such as our affiliation to a certain social group, ideological delusions, fallible convictions, interests etc., we are not entitled to presuppose that we register facts and objects as they really are. Instead, all facts or objects seem relative to a system of some kind. This observation has led radical constructivists to the conclusion that, in fact, we are not even searching for fallible accesses to facts or objects, since this apparent ‘search’ is nothing more than one of our many constructs. If we follow this argument, notions like ‘fact’, ‘truth’, and ‘objectivity’ lose their traditional status and our entire society, along with its diverse subsystems such as science, religion, law, art etc., is reduced to a “frictionless spinning in the void,” to put it with John McDowell.

Recently, many voices have been raised against this understanding of “postmodernism” and especially against the dismissal of facts, truth, and objectivity on the basis of an alleged insight into the social construction of reality. We will summarize these voices under the title “New Realism” and try to promote them in an internationally visible way from the perspective of several scientific and scholarly disciplines: philosophy, sociology, literary studies, visual studies, and natural sciences. Interestingly, the preliminary label of “New Realism” which quite intentionally calls to mind a movement at the beginning of the last century, is used for similar tendencies in the legal and political sciences. This conference will examine the prospects for a new realism, investigating whether it can deliver convincing models for the postmodern diagnosis of a plurality of truths, language games, and perspectives.